THEATERNÄCHTE
2006 - 2008(1) Die Nacht der Sehnsüchte, Träume und Visionen Die Theaternacht - sie ist auch eine Nacht der Sehnsüchte, Träume und Visionen. Und das umfasst seit einigen Jahren nicht nur die Kunst der Bühne selbst. Die Theaternacht ist längst mehr als das: Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, Orte der Stadt zu verändern, sie ins Bewusstsein der Menschen zu rücken, das bereits vorgefertigte Bild in Frage zu stellen. Im besten Falle macht die Theaternacht die Stätten, die sie entdeckt, zu Horten der Kunst und Kreativität. Wahrhaft erstmals in See gestochen sind die Entdecker im Jahr 2006, als sich die Theaternacht selbst Konkurrenz macht und dem eigentlichen Ereignis ein Vorspiel vorangestellt ist: Dort, wo in Zukunft ein glitzernder See Dortmund das unwiderstehliche Flair eines Ferienausflugsziels schenken soll, ebendort werden schon einen Tag vor der eigentlichen Theaternacht satte 30 000 Liter Wasser in die Welt geschüttet: An der Hörder Burg, mit Blick auf die Baustelle für den Phoenix See, zelebriert das Münsteraner Ensemble „Titanick“ die Lust am Untergang des Luxusdampfers. Mit Feuerwerk und Flammenschlägen, Komik und Akrobatik, Schauspielkunst und Fontänen raubt das Spektakel den Atem. Und hinterlässt doch noch Neugier für all jene, die sich am späten Abend an die Bauzäune klammern, um aus der Ansicht von Steinen und Staub die Umwandlung von der Schwer- zur Freizeitindustrie herauszulesen. (2) Als
regelrecht visionär erweist sich der Ort der Theaternacht im
Folgejahr: Monate, bevor die Landesregierung dem Umbau zu einem Zentrum
der Kultur und Kreativwirtschaft ihre Förderzusage erteilt,
erobern die Bühnenpioniere 2007 das Dortmunder „U“. „Ich tu‘
einfach so, als wenn hier alles schon fertig wäre“, verkündet
Initiator Horst Hanke-Lindemann und sorgt in einem Kraftakt dafür,
dass erstmals alle Beteiligten nach ihren Einzelprogrammen noch auf dem
ehemaligen Brauereigelände weiterwirken. Lesungen in Auerbachs
Keller, Live-Kunstproduktion hinter Glasscheiben, Tanz in den
Hochkellern, Gesang in der Luft, Geierabend vor der illuminierten
Kulisse und Videoprojektionen auf der Haut des herrlichen Gebäudes
– das alles atmet schon Kulturhauptstadtflair. Jung und Alt können
an diesem Abend erahnen, wie kreative Vielfalt das „U“ pulsieren lassen
wird, wenn ihm erst so unterschiedliche Nutzer wie das Ostwallmuseum,
der Hartware MedienKunstVerein oder Dortmunds Filmgröße
Adolf Winkelmann ein neues Gesicht geben werden. (3) Der
soziale Aspekt mischt mit in den Planungen für das Jahr 2008: Der
Fredenbaumpark, angesiedelt in der mit Problemen behafteten
Nordstadt, soll die Kulturflaneure diesmal am Abend anlocken.
Vereint mit der Initiative Dortmund Parks, die die städtischen
Grünflächen als Kulturorte erschließen will, gilt
es, das Image der Stätte aufzupolieren – in der Hoffnung, dass die
Feiernden nach dieser Nacht auch tagsüber wiederkommen. Visionen
unterliegen jedoch bisweilen so banalen Tatsachen wie den
Wetterverhältnissen: Regen droht alles fortzuschwemmen – und
trotzdem rutschen einige Neugierige bis zum Meer aus Schlamm in den
Fredenbaumpark, trotzen auch die Künstler und Kreativen den
widrigen Umständen und der ständig ausfallenden Technik. Die
Theaternacht wird 2008 auch zu einem Fest der Improvisation, bei dem
schlussendlich doch einige Hartnäckige Kabarett im Festzelt,
HipHop neben Pfützen sowie die Assemblage aus Motorrad-Gang mit
Engelsschwingen, Feuerspuckern und Tanz in Lack und Leder auf dem
Parkgewässer bewundern. Kultur mit Kampfgeist. (4) Nun
also wahrhaftiges Warmlaufen für die Kulturhauptstadt Ruhr.2010.
Die feuchte Freude vom Vorjahr mag noch nachgewirkt haben bei der
Auswahl der aktuellen Spielstätte: Mit 11 500 Quadratmetern bietet
die ehemalige Schalthalle auf Phoenix-West in Hörde Raum für
tausende Menschen, die diesmal überdacht und sicher dem
Kulturgenuss frönen mögen. Doch jenseits dessen ist es erneut
mehr als nur ein reiner Veranstaltungsort: Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft verschmelzen auf Phoenix-West auf einzigartige Weise. Dort, wo
einst Roheisen erzeugt wurde, entsteht jetzt das, was die
Wirtschaftsförderung als „erste Adresse des neuen Dortmund“
tituliert: Ein Standort für Mikro-/Nanotechnologie, Produktions-
und Informationstechnologie. Dass dort zugleich Raum für
Freizeitwirtschaft sein soll, münzt die Theaternacht kreativ um –
und wandelt die Halle mit zwölf Kubikmetern Sand und 100
knallroten Liegestühlen sozusagen zum Hoesch-Strand.Und 2010? Da kann es ja kaum einen anderen Standort geben, als erneut das Dortmunder „U“. Kurzum: Die Theaternacht will mehr sein, als eine reine Aneinanderreihung von Unterhaltungsangeboten. Sie will anstoßen, ins Rollen bringen oder Vorantreiben. Orte so sehen, wie sie zuvor noch niemand betrachtet hat. Zukunft für alle sichtbar machen. Und natürlich: Die Seelen berühren – mit der Kraft, die man Theater nennt. Nadine Albach, Westfälische Rundschau Fotos: (1) „U“ Archiv Fletch Bizzel, (2) Knut Vahlensieck, (3) Ralf Rottmann, (4) Titanic Archiv Fletch Bizzel |